Jin, Jiyan, Azadî in Berlin: Die Revolution hat erst begonnen

Am Jahrestag der Ermordung Jina Aminis ist die Bewegung in Berlin breit aufgestellt

Von Lola Zeller

»Die Verbundenheit wächst so wie die Pflanzen im Garten«, sagt Anuscheh Amir-Khalili zu »nd«. Die Aktivistin veranstaltet an diesem Samstag zusammen mit ihrer kurdischen Kollegin Sarah Zilan Koessler ein Gedenken an Jina Amini, die am 16. September 2022 vom iranischen Regime ermordet wurde. Die Veranstaltung findet im Heilkräutergarten von Flamingo statt, einer Organisation von Aktivist*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Unterstützungsarbeit für geflüchtete Frauen. Dort gibt es einen Baum, den Amir-Khalili und Koessler mit weiteren Aktivist*innen im vergangenen Jahr für Jina Amini pflanzten und der seitdem dort wächst und Früchte trägt.

»Es ist eine Schwarze Maulbeere, denn aus dem Holz werden in Kurdistan und im Iran Flöten gemacht, die zu Beerdigungen gespielt werden«, sagt Amir-Khalili.

Neben all den lauten und wütenden Aktionen, die zum Jahrestag der Ermordung Aminis und der dadurch ausgelösten feministischen Proteste stattfinden werden, wollten sie und Koessler mit Flamingo etwas anbieten, bei dem es um Stille gehe, sagt Amir-Khalili. Deshalb werde es keine Redebeiträge geben, sondern Musik von iranischen und kurdischen Sänger*innen. Nicht nur im Heilkräutergarten, sondern auch in der Kiezkapelle in Neukölln soll so Amini und all der weiteren ermordeten Aktivist*innen und jungen Menschen gedacht werden.

Die Organisation Flamingo unterstützt zahlreiche Aktivist*innen, die für die Frauenbefreiung im Iran und überall kämpfen, zum Beispiel das Kollektiv Women, Life, Freedom (Frauen, Leben, Freiheit), das im Zuge der Revolution auch in Berlin entstand. »Es hat sich superspontan gegründet und ohne jegliche Infrastruktur eine unglaublich starke Gruppe von Aktivist*innen aufgebaut. Wir unterstützen sie strukturell«, sagt Amir-Khalili.

Ihrer Wahrnehmung nach wachsen die Gruppen und Akteur*innen der Jin-Jiyan-Azadî-Bewegung seit dem Entflammen der Proteste im vergangenen Jahr immer weiter zusammen. »Das Besondere an der Bewegung ist, dass sie den weißen Feminismus wachrüttelt. Sie zeigt, mit welcher Energie die Frauen dort immer weiter kämpfen und sich auch immer mehr Männer anschließen.« Deshalb sei die aus Kurdistan kommende Befreiungsbewegung ein Vorbild und Feminist*innen in Berlin sollten sich ihr anschließen. »Das ist kein auf den Hijab begrenzter Kampf. Die Bewegung verbindet alles, wofür sich auch Linke in Deutschland einsetzen sollten.«

Die Kämpfe gegen das Mullah-Regime im Iran brauchten nach wie vor internationale Aufmerksamkeit und Druck, sagt die Aktivistin. »Gerade hier, wo wir nicht mit dem Tod bedroht sind, wenn wir auf die Straße gehen, müssen alle mitmachen.« In Berlin habe man schon viel aufgebaut voriges Jahr und die Bewegung entwickle sich immer weiter, »sie zerbröckelt nicht.« Es komme auf Ausdauer und auf nachhaltige Organisierung an, sagt Amir-Khalili. »Es trägt Früchte, was aus der kurdischen Frauenbewegung kommt, und wird sich weiter ausbreiten.«

So denkt auch die kurdische Aktivistin Newa Çîya, die nicht ihren tatsächlichen Namen veröffentlichen will. Sie ist bei Kjar aktiv, der Organisation der kurdischen Frauenbewegung von Rojhilat (kurdisch für »Osten«, der Begriff umfasst alle überwiegend kurdisch besiedelten Gebiete im westlichen und nordwestlichen Teil des iranischen Staatsgebiets). »In Berlin gibt es unsere Organisation noch nicht so lange«, sagt Çîya »nd«.

Çîya sieht sich als Teil der Frauenrevolution und der Kämpfe im Iran, auch wenn sie geografisch nicht dort ist, sondern in Berlin. »Das ist auch unser Aufstand, und das machen wir nicht seit einem Jahr, sondern jeden Tag seit 40 Jahren.« Der Jahrestag der Ermordung Jina Aminis sei als Symboltag wichtig, um mit möglichst vielen auf die Straße zu gehen, um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. »Die Revolution hat gerade erst begonnen.«

Wichtig ist für die Aktivistin, dass es bei dieser Revolution nicht nur um den materiellen Systemumsturz geht, sondern vor allem auch um grundlegende Veränderungen der Denkweise. »Wir haben zwar unser erstes Ziel, dass die Islamische Republik geht, noch nicht erreicht. Aber die Jin-Jiyan-Azadî-Philosophie hat eine Revolution in der Mentalität von vielen bewirkt.« So seien nicht nur viele Gruppen entstanden und viele Menschen hätten sich politisiert und organisiert, sondern viele Iraner*innen in der Diaspora hätten sich mit sich selbst und der eigenen Rolle in Kämpfen wie diesem beschäftigt – eine »Revolution in der Revolution«, wie Çîya sagt. »Die Energie aus dem Iran und Rojhilat ist bis hierher gekommen und hat viel mit den Menschen hier gemacht.«

Kjar stellt mit 14 weiteren Organisationen die Großdemonstration am Samstag um 17 Uhr am Bebelplatz auf die Beine. »Wir wollen unsere Wut und Trauer zeigen. So viele junge Menschen sind ums Leben gekommen, so viele sind im Knast«, sagt Aktivistin Çîya. Man wolle mit dieser Demonstration sowie mit den vielen anderen Aktionen überall in Deutschland und weltweit zeigen, dass der Kampf um Frauenbefreiung gegen das Regime im Iran nicht vorbei sei. »Aber wir kämpfen nicht nur für die Befreiung in Rojhilat und im Iran, sondern für alle Menschen, die sich ein freies Leben ersehnen.«

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